Dienstag, 23. Mai 2017

Das Europäische Parlament unterstützt die Petitionen von COPINH


Am 7. Juni 2017 findet die vorherige Anhörung von fünf der acht Beschuldigten im Fall der Ermordung Berta Cáceres in Honduras statt. Anläßlich des Termins möchten wir darauf hinweisen, dass die Europaabgeordneten und Organisationen der europäischen und honduranischen Zivilgesellschaft die Petitionen ihrer Tochter Bertha Zúniga Cáceres (COPINH) auf der Suche nach Gerechtigkeit, untertützen.

Samstag, 20. Mai 2017

Genug mit der Straflosigkeit. Gerechtigkeit für Berta!



Wann endet Missbrauch und Straflosigkeit der Generalstaatsanwaltschaft und der Justiz im Fall Berta Cáceres? So viel Macht haben die Auftraggeber des Verbrechens, dass sie offen das Justizsystem unterwerfen ohne dass etwas passiert?

Öffentliche Stellungnahme am 17.05.2017 Foto: COPINH






Das juristische Team der Breiten Bewegung für Würde und Gerechtigkeit (MADJ), Vertreter der Kinder und Mutter von Berta Cáceres, und der Zivile Rat der indigenen und Basisorganisationen Honduras (COPINH) informiert die nationale und internationale Öffentlichkeit und wiederholt ihre Forderung:

1.     Seit dem Verbrechen an Berta Cáceres und Gustavo Castro am 02. März 2016 sind wir Teil des untersuchenden und juristischen Prozesses als private Kläger. Das Anwaltsteam in Repräsentation der Opfer bat wiederholt und eifrig, Zugang zu den Untersuchungen des Verbrechens zu erhalten. Wir haben Informationen beigetragen und Aktionen beantragt, die gegen: die Auftraggeber [des Mordes], die beteiligten Unternehmen und die nationalen und internationalen Banken finanzieren, die das Wasserkraftprojekt, das in Verbindung mit den Drohungen, Einschüchterungen und dem Mord an Berta Cáceres steht, hierbei besonders das Unternehmen DESA, das Nutznießer der Konzession des Flusses Gualcarque ist.

2.    Die Generalstaatsanwaltschaft und die Gerichte der Republik verweigern bis zum heutigen Tag absichtlich und illegal den Zugang zu den grundlegenden Informationen über die Untersuchungen des Verbrechens. Seit die erste Anhörung am 6. Mai 2016 stattfand, und auf den nachfolgenden verschiedenen Terminen, beantragten wir, dass die Informationen, die sich auf die Gutachten der Güsse [z.B. Schuhabdrucke] und der Überwachung der Telefone, der Personen stützen, die mit dem Verbrechen in Verbindung stehen. Das Gericht, dem die Angelegenheit bekannt ist ordnete die Übergabe der Informationen an, jedoch wurde bis zum heutigen Tag die Information verweigert.

3.    Wir haben bei der Generalstaatsanwaltschaft u.a. beantragt, dass uns die Ergebnisse der durchgeführten Analysen der vorgefundenen Beweismittel der Hausdurchsuchungen und Durchsuchungen der Büros des Unternehmens DESA und der Wohnungen der Beschuldigten ausgehändigt werden. Wir haben auch die Generalstaatsanwaltschaft gebeten uns zu erklären, warum verschiedene Dokumente nicht beschlagnahmt wurden und andere Informationen, die innerhalb der Büros des besagten Unternehmens, das in Verbindung mit der Konzession des Flusses Gualcarque steht. Ebenso baten wir sie, uns zu erklären warum sie unser Recht auf Teilnahme bei den Durchsuchungen und die Rolle, die uns zusteht in dem Vorgehen einschränkt, obwohl wir uns in der Sache gemeldet haben. Bis zum heutigen Tag haben wir keine Antwort erhalten.

4.    Die einleitende Anhörung am 19. April 2017, bei der mehrere Beobachter von Menschenrechtsorganisationen und Repräsentanten des in Honduras akkreditieren diplomatischen Korps teilnahmen, wurde suspendiert, weil das selbige Gericht und auch die Generalstaatsanwaltschaft anerkannten, dass sie die Pflicht die Informationen an die Opfer zu übergeben, nicht eingehalten haben, so dass das Anwaltsteam die Anklage gegen die Beschuldigten unterstützen könne. Das Gericht stellte in Aussicht, dass am 28. April 2017 ihnen die Information ausgehändigt würde und dass am 24. Mai 2017 die vorherige Anhörung weiter geführt würde. Wir waren eifrig und boten ihnen die Kosten für den Zugang der Informationen an zu zahlen (Fotokopien, Überstellung der Instrumente und Ausstattung), trotz allem haben weder das Gericht, noch die Generalstaatsanwaltschaft bis zum heutigen Tag dies erfüllt. Es scheint, dass sie ihre Pflicht die Informationen zu übergeben nicht einhalten werden, weswegen wir diese Verzögerungstaktik, die noch mehr Straflosigkeit verursacht, öffentlich verurteilen.


5.     In diesem Zusammenhang des Missbrauchs und der institutionellen Straflosigkeit erfüllen wir unsere Pflicht zu informieren, dass wir gegenüber dieses Missbrauchs dieser Institution machtlos und erneut Opfer sind. Wir sind darüber hinaus noch weiter alarmiert über die enorme Macht, die diese ökonomisch-kriminellen Gruppen besitzen, die die Ermordung Berta Cáceres angeordnet haben. Es scheint nun, dass es keine fähige Kraft gibt, die diesen Pakt der institutionellen Straflosigkeit bricht, die die Auftraggeber des Verbrechens decken.


6.     Dessen ungeachtet bestätigen wir unser Engagement alle Instanzen auszuschöpfen, so dass die Verantwortlichen dieses Verbrechens nicht straflos bleiben. Wir verpflichten uns auch Gerechtigkeit gegen die Funktionäre zu fordern, die heute auf verschiedene Weise, durch Aktion oder Unterlassung danach streben die Straflosigkeit der kriminellen Struktur, die Berta Cáceres beauftragte zu ermorden.


Die nationale und internationale Gemeinschaft ersuchen wir um aktive Solidarität in der Forderung nach Gerechtigkeit gegenüber diesem Verbrechen.

Genug mit der Straflosigkeit. Gerechtigkeit für Berta!



Mai 2017

Freitag, 12. Mai 2017

Straflosigkeit bei Journalistenmorden in Honduras

von Daniela Dreißig in amerika21
Unabhängige Medienschaffende sind zudem mit Drohungen, Entführungen von Angehörigen und restriktiven Gesetzen konfrontiert. Informationsrecht eingeschränkt

Tegucigalpa. Der Nationale Beauftragte für Menschenrechte in Honduras hat unlängst einen Bericht vorgelegt aus dem hervorgeht, dass 91 Prozent der 69 registrierten Morde an Journalistinnen und Journalisten seit 2001 bisher straflos geblieben sind.

Er bezieht sich ausschließlich auf die ermordeten Medienschaffenden, auf die Bedingungen, unter denen sie in Honduras arbeiten müssen, geht er jedoch nicht ein: Gewalttaten wie Mordversuche, Entführungen von Angehörigen, Todesdrohungen oder restriktive Gesetzgebungen sind in dem Bericht vom 2. Mai nicht erwähnt. Diese führten zu einer automatischen Selbstzensur der Journalisten, so Félix Molina, auf den im Mai 2016 zwei Attentate verübt wurden. Er überlebte verletzt und wohnt heute in einem anderen Land. Gegenüber amerika21 erklärte Molina, dass die ermordeten Journalisten unter anderem über Korruption, organisierte Kriminalität, Landkonflikte, den Schutz der indigenen Territorien vor Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und über den Machtmissbrauch durch Polizei und Militär berichten. Auch in seinem Fall seien die Attentate Folge seiner kontinuierlichen Berichterstattung nach der Ermordung der indigenen Menschenrechtsaktivistin Berta Cáceres. So habe er auf die Mörder und Auftraggeber hingewiesen. Weder die Staatsanwaltschaft noch andere ermittelnde Behörden hätten auf sein Ersuchen zu den Ermittlungen in seinem Fall Auskunft gegeben, noch Kontakt mit ihm aufgenommen.

Die unabhängige Journalistin Dina Meza im Gespräch
mit Medienvertretern Quelle: PBI Honduras
Dina Meza, eine unabhängige Journalistin, die wiederholt Todesdrohungen erhält, äußert im Gespräch mit amerika21: "Präsident Hernández möchte, dass alle Journalisten sich an seinem offiziellen Diskurs orientieren." Dies bedeute eine Berichterstattung über eine gesunkene Mordrate, ein effektives Vorgehen gegen das organisierte Verbrechen und dass der Präsident vor allem den Armen helfe. Die Journalisten, die sich nicht daran hielten, würden als "schlecht" deklariert, sie würden das Land in Brand setzen, seien gegen Entwicklung und verhinderten ausländische Investitionen. "All dies schafft ein Klima der Stigmatisierung, in dem Hass gegen uns geschürt wird." Ein weiteres Problem sei die Verwehrung von Informationen des öffentlichen Interesses. Im Jahr 2015 wurden 18 staatliche Stellen angewiesen, keine Auskünfte mehr an Journalisten zu erteilen. Diesen Entschluss habe der Präsident mit dem Nationalen Verteidigungs- und Sicherheitsrat getroffen, die Gesetze über Transparenz und Zugang zu öffentlichen Informationen wurden damit enorm einschränkt, so Meza.

Mit der Reform des Strafgesetzbuches ist ein weiterer Artikel aufgenommen worden, der die Ausübung journalistischer Arbeit erschwert und dieser Berufsgruppe mit Bestrafungen droht. Im Februar 2017 wurde unter anderem der Artikel 335 verabschiedet, der diejenigen unter Strafe stellt, "die öffentlich oder in den Medien den Straftatbestand des Terrorismus verteidigen oder dazu aufrufen." Die Interamerikanische Menschenrechtskommission, deren Berichterstatter für Pressefreiheit und das UN-Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte in Honduras haben in einem gemeinsamen Kommuniqué ihre Sorge über die Zweideutigkeit dieses Artikels und die unzureichende Definition des Begriffes Terrorismus ausgedrückt. Diese lasse einen großen Interpretationsspielraum, führe zu unangemessener Strafverfolgung und könne soziale Bewegungen und die Arbeit von Menschenrechtsverteidigern unter Strafe stellen.

Die deutsche Bundesregierung dürfte diese Reform auch interessieren: Im Rahmen der Überprüfung der Menschenrechte in Honduras vor dem Menschenrechtsrat in Genf im Mai 2015 hatte sie darauf verwiesen und ihre "Besorgnis" über die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen, speziell des Rechtes auf Leben und die weitverbreitete Straflosigkeit ausgedrückt.

Dienstag, 2. Mai 2017

La Voz del Gualcarque, 1 Jahr und 2 Monate seit dem Mord an Berta Cáceres



 Documental-Web LA VOZ DEL GUALCARQUE

Heute am 2. Mai 2017 sind ein Jahr und zwei Monate vergangen seit dem Berta Cáceres, Verteidigerin der Rechte der Indigenen, der Lenca in Honduras ermordet wurde.

OCOTE FILMS und die Menschenrechtskette Honduras (CADEHO) gedenken an ihr Vermächtnis und veröffentlichen den Blog zum Dokumentarfilm „La Voz del Gualcarque“, ein Bericht, der einen von vielen Kämpfen zeigt, an denen Berta Cáceres, als Koordinatorin des Zivilen Rates der Basis- und indigenen Organisationen Honduras (COPINH) teilgenommen hat. Der Widerstand der Lenca-Gemeinden gegen den Bau des Wasserkraftwerkes Agua Zarca.

Ein Kampf, der ihr Leben kostete. Die Verantwortlichen, die den Mord verübt haben, stehen direkt mit dem Unternehmen Desarrollos Energéticos S.A. (DESA) in Verbindung, das Unternehmen, das das Wasserkraftwerk baut und dessen Geschäfte führt. Der ehemalige Sicherheitschef von DESA, ehemalige Militärangehörige und Auftragsmörder sind derzeit in Haft und werden des Mordes verdächtigt. Bis zum heutigen Tag sind die Auftraggeber des Mordes straffrei.

Wir hegen keine Hoffnung auf juristische Garantien von Seiten des honduranischen Staates. Wie COPINH und viele nationale und internationale Organisationen fordern wir eine unabhängige Untersuchung des Falles.

Gleichzeitig möchten wir an die Verantwortung der europäischen Entwicklungsbanken wie FINNFUND (Finnische Entwicklungsbank) FMO (Niederländische Entwicklungsbank) und das Unternehmen Siemens – Voith Hydro erinnern. Seitdem die Anzeigen wegen Illegalität und Illegitimität des Projektes bekannt wurden, wurden sie direkt über die systematischen Menschenrechtsverletzungen, die das Projekt verursacht informiert, über den Mord an Tomás García und verschiedenen Indigenen der angrenzenden Gemeinden. Der Bau des Projektes wird weiter geführt und die Gemeinden leiden weiterhin unter den Auswirkungen.

Seitdem Mord an der indigenen Koordinatorin und durch die enorme internationale Resonanz, haben die beteiligten europäischen Banken und Unternehmen diverse Kommuniqués verfasst, in denen sie sich von den Geschehnissen distanzierten bis hin zu Versprechen über einen „verantwortungsvollen Ausstieg aus dem Projekt“ (FMO März 2016).

Heute sind diese europäischen Institutionen immer noch dabei ohne eine überzeugende Reaktion zu zeigen. Was erwarten sie? – Vielleicht das mit der Zeit `Gras über die Sache wächst`? – und ihre Mitverantwortung in Vergessenheit gerät?

Seit 2010 widerstehen die in  COPINH organisierten Lenca-Gemeinden in Rio Blanco, trotz gravierender Repression, Einschüchterung, Diffamierung und Morde, dem Bau des Projektes Agua Zarca. Sie widerstehen mit gleicher Entschlossenheit ihr Land, ihre Territorien zu verteidigen so wie sie damals begannen.

Ein Jahr und zwei Monate seit der Ermordung von Berta.

CADEHO und OCOTE FILMS fordern Gerechtigkeit und die sofortige Schließung
des Wasserkraftwerkes Agua Zarca!!!

Berta Vive!! Berta Lebt!!

La lucha sigue!! Der Kampf geht weiter!!



2. Mai 2017

Freitag, 28. April 2017

EIN LIBERALER REFORMER UND EIN „FORTSCHRITTLICHER“ GENERAL - Wenig bekannte Aspekte der honduranischen Geschichte



Alison Acker ist eine „wütende Großmutter“ aus dem kanadischen Victoria. Als sie noch jünger war, hat sie 1988 ein Büchlein mit dem Titel „Honduras – das Entstehen einer Bananenrepublik“ veröffentlicht. Es ist auch nach fast 30 Jahren lesenswert, führt es uns doch von Kolumbus bis in die Neuzeit der zivilen Regierungen, die 1982 begann. Versteckt in dieser nicht enden wollenden Abfolge von Präsidenten von der Nationalen Partei (Partido Nacional de Honduras, PNH) oder der Liberalen Partei (Partido Liberal de Honduras, PLH), gab es in den 1970er Jahren einen liberalen Reformer und einen „fortschrittlichen“ General. Sie stehen im Mittelpunkt dieses Beitrages, eingerahmt von Ausschnitten aus der Vorgeschichte und der Zeit danach.

Von Eduard Fritsch, erschienen in ILA, Februar 2017, Ed. 402
Honduras hätte eine bescheidene zentralamerikanische Erfolgsgeschichte werden können. Es hatte die richtige Lage für den Handel. Es hatte Ressourcen und verglichen mit seinen Nachbarn war es bis zu einem gewissen Grad demokratisch und ruhig. Stattdessen wurde es eine Nation von Bettlern, ein Fass ohne Boden für ausländische Hilfe, ein Land, das zu vermieten war.“ Mit diesen Worten beginnt Alison Acker ihre Geschichte. (1)
Der Dramatiker Eugene O’Neill ging 1910 auf Goldsuche nach Honduras. Er bekam Malaria. Einer Biographie zufolge soll er nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten gesagt haben: „Nachdem ich überall in diesem Land war, glaube ich fest daran, dass Gott, nachdem er Honduras erschaffen hatte, eine Vorstellung von der Hölle bekam.“ Um diese Zeit hatte Minor Cooper Keith bereits die Bananen entdeckt. „Er konzentrierte sein Kapital und seine Märkte, und gründete mit zusätzlichen Mitteln von der Morgan-Bank die United Fruit Company (UFCO)“, aus der 1970 die United Brands Company und 1984 Chiquita Brands International wurde. Einen ersten honduranischen Präsidenten kürte UFCO bereits 1903, Manuel Bonilla von der PNH, der eine von seinem liberalen Vorgänger erlassene Bananensteuer wieder abschaffte. Ramón Amaya Amador, der selbst in den Plantagen der United Fruit gearbeitet hatte, beschreibt in seinem Roman ‚Prisión Verde‘ (Grünes Gefängnis, 1950), wie die Fruchtkonzerne an das Land für ihre Plantagen kamen: „Schau mal, sagte der Rechtsanwalt, wenn Du Dein Land an die Gesellschaft verkaufst, hast Du nicht nur einen persönlichen Gewinn, sondern Du dienst damit auch unserem Vaterland.“ Neben Minor Keith kamen noch andere Geschäftsleute mit Rockefeller-Potential aus dem Norden - zwei davon mit „Migrationshintergrund“. Die Vaccaro-Brüder hatten sizilianische Vorfahren, operierten ebenfalls in ganz Mittelamerika wurden als Standard Fruit Company bekannt. Castle & Cooke stiegen ein, kreierten die Marke DOLE, die 1973 führend auf dem US-Markt wurde und 1978 auf den europäischen Markt kam. Samuel Zemurray, ein jüdisch-russischer Einwanderer, begann als Teenager in New Orleans, wo Standard Fruit Bananen aus Mittelamerika anlandete, mit einem eigenen Bananen-Geschäft. Im Jahr 1911 kaufte er in Honduras eine Eisenbahnkonzession unweit des Hafens von Tela. Eisenbahnen und Häfen waren unentbehrlich im Bananenhandel, mit entsprechenden Konzessionen der Liberalen oder Nationalen Präsidenten bekamen die Keith, Vaccaros und Zemurrays das Land dazu. 

Foto: HondurasDelegation
Sam „der Bananenmann“ Zemurray verstand es wie kein anderer, aus Honduras eine Bananenrepublik zu machen. „Sam Zemurray war ein Boss neuen Stils. Mit dem Einsatz von Bewässerung erzielte seine Cuyamel Company größere und bessere Bananen. Aber er brauchte seine eigenen Konzessionen, ein Problem, das er auf seine dreiste Art löste: einen Staatsstreich gegen den Liberalen Präsidenten Miguel Dávila.“ Zemurray kaufte sich Ex-Präsident Bonilla, stattete ihn mit einem alten Kanonenboot und einem Haufen Söldner aus und ließ ihn Dávila stürzen. Kurz vor dem Börsenkrach verkaufte er 1929 sein kleines Imperium, das er 1911 mit fünf Millionen US-Dollar angefangen hatte, für 29 Millionen an die UFCO. Im Jahr 1933 kam er zurück. Er tauchte im Verwaltungsrat der UFCO auf, deren Großaktionär er durch den Verkauf geworden war, und verließ die Versammlung als neuer Präsident des Konzerns, der in Mittelamerika allgegenwärtig werden sollte. In Honduras stand der Langzeitdiktator Tiburcio Carías Andino (von 1932 bis 1948) auf seiner Gehaltsliste. Er begann als Koch bei einer Liberalen Guerilla, wurde später Nationalist, stellte Milizen auf, und hatte die Faustregel „einkreisen, vernichten und beerdigen“. Zemurray unterstützte Somozas Nicaragua im Grenzstreit mit Honduras. Und als in Guatemala die Regierung von Jacobo Árbenz 1954 eine Agrarreform einleitete, ließ die CIA über UFCO-Plantagen in Honduras Söldner in Guatemala einmarschieren, um den Präsidenten zu stürzen.

Drei der unzähligen Präsidenten von Honduras haben wir bis hierher kennengelernt. Zwischen der Unabhängigkeit von Honduras als Republik im Jahr 1824 und 1933, als die Diktatur Carías begann, hatte das Land 117 Präsidenten, darunter Francisco Morazán, den Visionär der Vereinigten Provinzen Zentralamerikas. Die beiden Parteien, die bis heute Honduras prägen (die blauen Konservativen, die Nationale Partei, und die roten Liberalen) haben gleichermaßen eine Tradition von Vetternwirtschaft. Beide haben sich immer wieder gespalten und sind stramm antikommunistisch, weshalb man mit dem Kommunismus-Vorwurf einen sich fortschrittliche gebärdenden Präsidenten wie den Viehbaron Mel Zelaya leicht zu Fall bringen kann. Die PNH vertritt traditionell die Großgrundbesitzer und Campesinos, eine Mischung aus Tagelöhnern und Subsistenzbauern. ProtestanInnen und DemokratInnen mochten sie nicht. Die Liberalen hatten etwas gegen die katholische Kirche und vertreten den klassischen Wirtschaftsliberalismus. Nachdem Carías der „guten Nachbarschafts“-Politik der Vereinigten Staaten zu peinlich wurde, ließen sie ihn vom Militär entfernen. Es begann die Zeit der Militärdiktaturen, in der die Streitkräfte zu einer eigenständigen politischen Kraft wurden.
„Ironischerweise war ein Militärherrscher manchmal aufgeklärter als ein ziviler Präsident, und ein Präsident, von dem sich niemand etwas versprach, wurde der fähigste. So ließ Manuel Gálvez, den Carías noch handverlesen hatte, 1949 politische Gefangene frei, lud Exilierte ein zurückzukommen, beendete die offene Repression gegen die Arbeiterbewegung und begann mit Infrastrukturmaßnahmen für eine moderne Wirtschaft.“ Im letzten Amtsjahr von Gálvez, zur Zeit der US-Intervention gegen Árbenz in Guatemala, kam es zum großen Bananenstreik. Es begann damit, dass die UFCO sich weigerte, am Ostersonntag Überstundenzuschläge zu bezahlen. Der Streik erfasste schnell die Häfen von Puerto Cortés und Tela und die Plantagen im Landesinneren. Am 5. Mai 1954 wurde bei der UFCO und bei Standard Fruit gestreikt. Am 13. Mai schlossen sich die Arbeiterinnen des Bergbauunternehmens Rosario Mining, der nationalen Bierbrauerei und von British American Tobacco an. Zusammen mit ihren UnterstützerInnen sollen 50 000 Menschen in Bewegung geraten sein. Aber bereits am 19. Mai brachen die ArbeiterInnen bei Standard Fruit ab, nachdem vier Mitglieder des zentralen Streikkomitees verhaftet worden waren. Am 6. Juli beschloss ein gelbes Komitee mit United das Streikende.

Dole und der Hafen in Bahia de Trujillo, Foto: HondurasDelegation






In der Parteipolitik waren 1957 mit der Wahl Ramón Villeda Morales die Liberalen an der Reihe. Er hatte an der Nationaluniversität Medizin studiert und dort eine Zeitung und einen Verband der Studierenden gegründet. Mit einem Stipendium machte er von 1937 bis 1939 ein Facharztstudium an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine Praxis in Tegucigalpa wurde später stadtbekannt, und so konnte es nicht ausbleiben, dass er zum Präsidenten der Ärztekammer gewählt wurde. Aus der Liberalen Partei, in der er 1948 aktiv wurde, machte Villeda eine der fortschrittlichsten Parteien Mittelamerikas. Er gründete die Tageszeitung „El Pueblo“ (Das Volk) und gab seiner Partei ein Grundsatzprogramm. Seine Reden beendete er mit der Aufforderung „Allzeit nach vorne, kein Schritt zurück!“ Als er zum Kandidaten der PLH gewählt wurde, sollen ihm im August 1957 in San Pedro Sula, der zweitgrößten Stadt des Landes, laut der Tageszeitung „La Tribuna“ 100 000 Menschen zugejubelt haben. Ebenso bei Amtsantritt im Dezember. Unter Villedas Regierung wurde 1961 das Agrarreforminstitut INA gegründet, im Jahr darauf das Agrarreformgesetz verabschiedet, mit dem die Agrarstruktur grundlegend zugunsten bäuerlicher Betriebe verändert werden sollten. „Nach der kubanischen Revolution drängte die Kennedy-Regierung auf Reformen, insbesondere eine Agrarreform, um weitere Revolutionen zu verhindern. Villeda Morales fand sein eigenes Konzept einer Reform, passgenau zu Kennedys Allianz für den Fortschritt, denn das Recht auf Eigentum sollte respektiert und der Kommunismus bekämpft werden. Aber die Bananenkonzerne und die Großgrundbesitzer hatten kein Verständnis für vorsichtige Reformen. Bei einem geheimen Treffen mit hochrangigen Offizieren, Managern der UFCO und dem US-Botschafter soll es darum gegangen sein, Villeda Morales davon abzuhalten, denselben Weg wie Árbenz in Guatemala einzuschlagen. Der Präsident beruhigte die Konzerne mit Landkonzessionen, während er gleichzeitig den Campesinos Land gab. Sie hielten es für ihr gutes Recht, Land zu besetzen, weil viele von den Bananenmultis vertrieben oder entlassen worden waren.“ Ein Jahr nach Beginn der Agrarreform stürzte Oberst Oswaldo López Arellano am 3. Oktober 1963 den wiedergewählten Präsidenten Ramón Villeda Morales.
Oberst López Arellano war Karriere-Offizier. Nach dem Putsch gegen Villeda regierte er de facto, bis er sich 1965 mit gefälschten Wahlen zum verfassungsmäßigen Präsidenten machen ließ, um anschließend bis Juni 1971 sechs Jahre durchzuregieren. „Seine populistische Militärregierung machte Reformen, ohne mit der Rechten in offene Konfrontation zu treten. Mit seinen Agrarreformen reagierte López Arrelano auf die anschwellende Campesino-Bewegung, erlaubte es aber gleichzeitig den Großgrundbesitzern, ihre Güter innerhalb der Familie aufzuteilen, so dass sie einer Enteignung entgingen. Die Großgrundbesitzer formierten sich 1966 zur FENAGH, dem Verband der Viehbarone und Farmer, der anfing gegen salvadorianische Siedler zu hetzen“, bis es zum 100-Stunden-Krieg von 1969 kam: „Das INA fand es einfacher, salvadorianische Siedler zu vertreiben, als brachliegendes Land der Großgrundbesitzer zu enteignen. Im April 1969 stellte die Regierung den Salvadorianern ein Ultimatum von 30 Tagen, woraufhin 11 000 von ihnen das Land verließen.“

Im Juli bot ein Qualifikationsspiel zwischen Honduras und El Salvador der Diktatur des Oberst Fidel Sánchez Hernández in El Salvador den nichtigen Anlass, den in der Luft liegenden Krieg gegen das Nachbarland loszubrechen. Die Folgen waren katastrophal: 4 000 bis 6 000 zivile Tote, 60 000 bis 130 000 SalvadorianerInnen wurden aus Honduras vertrieben, der Gemeinsame Mittelamerikanische Markt brach zusammen, in beiden Ländern wurde die politische Rolle der Streitkräfte gestärkt. In Honduras „gelang es López Arellano nicht, den hartleibigen Teil des Militärs zu besänftigen. Im Zusammenhang mit einem Bestechungsversuch der United Brands, der als 'Bananagate' in die Geschichte der Bananenrepublik einging, wurde López Arellano Korruption vorgeworfen und er musste zurücktreten. Gewonnen haben am Ende wieder die Bananenkonzerne, denn der neue Präsident, General Juan Alberto Melgar Castro von der Nationalpartei, stoppte 1975 die Forderung nach einer Bananen-Exportsteuer von einem US-Dollar für jeden Karton von ca. 23 kg.“ Im selben Jahr taucht General Melgar Castros Namen in einem anderen Zusammenhang auf. „Die Campesinos waren bemerkenswert diszipliniert geworden. Vor einer Landbesetzung erkundeten sie den legal Status des Grundstückes und avisierten das INA.“ Die Großgrundbesitzer waren nicht so geduldig. Bei einem Angriff der FENAGH wurden 14 AktivistInnen der Nationalen Campesino-Union UNC, darunter zwei Priester und zwei Zeuginnen des Verbrechens, auf dem Landgut Los Horcones des reichen Holzhändlers José Manuel Zelaya im Departement Olancho, dem wilden Osten von Honduras, ermordet. Sein ältester Sohn, José Manuel ‚Mel‘ Zelaya Rosales, war zur Zeit des Massakers 23 Jahre alt. Ein halbes Jahr später heiratete er Xiomara Castro, die Tochter des Präsidenten. Die beteiligten Armeeoffiziere wurden zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, Vater Zelaya nach vier Jahren von Melgar Castro begnadigt. Der ließ für kurze Zeit die Landverteilung beschleunigen. Knapp 25 000 Hektar von Großgrundbesitzern und über 11 000 der UFCO wurden enteignet, dann fiel die Agrarreform wieder ins Schneckentempo zurück.

In El Salvador und Guatemala herrschte Krieg und in Nicaragua regierten die SandinistInnen. Die Reagan-Regierung fand es an der Zeit, Honduras umzubauen. Sie machte sich daran, formale Wahlen als einzige Voraussetzung für Demokratie zu verkaufen. So wurde der Liberale Roberto Suazo Córdova im Januar 1982 Präsident. Eine gute Wahl: In seiner gesamten Amtszeit wurden um die 16 000 Hektar an Landlose verteilt, während es Oberst López Arellano auf über 700 000 Hektar gebracht hatte. Eine aus honduranisch-militärischer Sicht ebenfalls gute Wahl traf der Generalstab, als er 1982 Oberst Gustavo Álvarez Martínez zu seinem Chef machte: „Im Jahr 1977 rief Standard Fruit das 4. Infanteriebataillon aus La Ceiba, um die Büros der Isletas-Genossenschaft zu stürmen. Las Isletas war von 900 GenossInnen auf Land gegründet worden, das von Standard enteignet worden war.“ Als sie nicht mehr über Standard verkaufen wollten, arrangierte der Konzern eine außerordentliche Vollversammlung, um eine neue Leitung wählen zu lassen, und schickte besagte Infanteristen unter dem Kommando von Oberst Álvarez, der auf Standards Gehaltsliste stand. Er ließ die gesamte Führung für zwei Jahre ins Gefängnis stecken. Die neue Führung machte einen langfristigen Exportvertrag mit Standard zu Preisen, die weit unter dem Angebot der Union Bananen exportierender Länder (UPEB) lagen. Im Jahr 1981 war die Kooperative am Ende und das INA übernahm das Land. Im Jahr 1979 war Álvarez bereits Chef der dem Verteidigungsministerium unterstellten Öffentlichen Sicherheitskräfte (FUSEP) und 1980 dann Chef der Geheimpolizei DNI geworden – die Morde, das Verschwindenlassen und die Folter begannen. „Álvarez war davon überzeugt, einen heiligen Krieg zu führen. Er stellte fest: ‚Es gibt nur zwei Arten von Politiker – Kommunisten und andere. Alles, was ihr macht, um die marxistischen Regime zu zerstören, ist moralisch.´“ Álvarez´ Freundschaft mit dem Liberalen Kandidaten Suazo Córdova erwies sich zu beiderseitigem Nutzen. Suazo machte Oberst Álvarez zum Generalstabschef, zum Brigadegeneral und nach gewonnen Wahlen zum Verteidigungsminister. Zwei Monate, bevor er seine neuen Ämter übernahm, kam der Mann, der in Wirklichkeit die Geschicke von Honduras zu lenken hatte, an: US-Botschafter John Dimitri Negroponte. Für die nächsten beiden Jahre übernahmen Negroponte und Álvarez die Geschäfte in Honduras, das alsbald über 30 Millionen US-Dollar Militärhilfe bekam. Massive US-Manöver begannen, und die Landkarte von Honduras wurde neu gezeichnet, indem die US-Nationalgarde Straßen und Landepisten für die US-Intervention baute.

Im Mai 1983 landeten US-Truppen in Puerto Castillo, um das regionale Trainingszentrum CREM für die salvadorianischen Kameraden zu bauen. Das Fass lief über, als Álvarez das Oberkommando der Streitkräfte von 45 auf 21 Mitglieder verringerte. Die Kleinigkeit von einer Million US-Dollar für Waffenkäufe, die in der Kasse fehlten, war auch noch im Spiel. Negroponte hörte als erster von den Putsch-Plänen und hatte keine Einwände. Am 31.März 1984 wurde Álvarez in San Pedro gefangen genommen und mit einem bereitstehenden Jet nach Costa Rica gebracht.“ (Offenbar beliebt als Ablageplatz für unliebsam gewordene Persönlichkeiten. A.d.Ü.) Vor seiner Abschiebung hatte Álvarez aber noch genügend Zeit, um AktivistInnen der Gewerkschafts-, Bauern- und Menschenrechtsbewegungen und Linke verhaften und für „Subversive“ das militärische Todesschwadron „Bataillon 3-16“ aufbauen zu lassen.
Álvarez' Nachfolger, Luftwaffengeneral Walter López Reyes, sagte 1978 im Ruhestand dem Nachrichtensender CBS: „Es war für uns zu gefährlich, der Sache auf den Grund zu gehen, denn wer herausgefunden hätte, wer all diese Leute umbrachte, hätte selbst ermordet werden können.“ Der explizit rechte Unternehmerverein „Vereinigung für den Fortschritt in Honduras“ (APROH), dessen Präsident General Álvarez ebenfalls gewesen war, empfahl angesichts der galoppierenden Wirtschaftskrise, in die Honduras geraten war, aus Honduras ein zweites Taiwan oder Hongkong zu machen. Acker kommt gegen Schluss ihrer Geschichte zu dem Fazit: „Die Kriegssituation machte die Investoren nervös. Sie befürchteten, dass aus Honduras kein Hongkong wird, sondern eher ein neues Vietnam.“ Und: „Im Mai 1987 besetzten an die 100 000 Bauern und Bäuerinnen annähernd 15 000 Hektar Land im Nordwesten von Honduras – die vielleicht größte Welle von Landbesetzungen in der Geschichte des Landes. Das INA war gezwungen, die Landforderungen zu bearbeiten, aber die Sicherheitspolizei der FUSEP verhafteten nach dem von General Álvarez vorangetriebenen Antiterrorismus-Gesetz 450 der BesetzerInnen. Mindestens drei Bauern starben in den Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Killern der FENAGH.“ Ex-General Gustavo Álvarez Martínez war zu diesem Zeitpunkt als Sektenprediger in Miami. 1988 kehrte er nach Honduras zurück, wo ihn im Januar 1989 ein Kommando der „Volksbewegung für die Befreiung Cinchoneros“, eine von der honduranischen Kommunistischen Partei abgespaltene Guerilla, erschoss.

Da sich die honduranischen Streitkräfte unter der Ägide Washingtons konsequent zum Staat im Staat entwickelten, in dem einem zivilen Präsidenten oder wahlweise einem ebensolchen Parlamentspräsidenten das letzte Wort gelassen wird (wie zuletzt geschehen beim Sturz von Mel Zelaya), ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus ihren Reihen ein neuer López Arellano kommt, gering. Der reformistische Anlauf eines Villeda Morales ist hingegen noch zweimal in der späteren Geschichte wiederholt worden: einmal von einem studentenbewegten Juristen, der unter anderem Mitglied des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag war, Carlos Roberto Reina Indiáquez (Liberaler Präsident von 1994 bis 1998). Und einmal von dem Viehbaron José Manuel „Mel“ Zelaya Rosales, der 1976 sein Ingenieurstudium abbrach, weil er die Familien-Ranch übernehmen musste, als sein Vater wegen des Massakers von Los Horcones ins Gefängnis kam. Sohn Mel wurde bekanntlich 2006 Präsident der Republik. Ende 2017 stehen in Honduras wieder Präsidentschafts-, Parlaments- und Gemeinderatswahlen an. Der derzeitige Präsident Juan Orlando Hernández, aber auch Mel liebäugeln bereits mit einer zweiten Amtszeit. Angesichts dieses Amtszeit-Fetischismus hat Ende 2016 eine Gaby auf Facebook gewarnt: „Streitkräfte, das Volk vertraut auf Sie, die darauf warten, den Präsidenten aus seinem Palast zu holen, wenn er die Verfassung der Republik verletzt. Machen Sie dasselbe, was Sie mit dem Herrn Manuel Zelaya gemacht haben.“ Das kann ja heiter werden.
1) Im Folgenden stammen alle Zitate aus ihrem Buch.
Alison Acker, Honduras: The making of a Banana Republic, Toronto, 1988